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24.05.14: Jahrestagung des Deutschen Ethikrates zur Zukunft der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland

Am 22.05.14 veranstaltete der Deutsche Ethikrat in Berlin im Humboldt Carré seine Jahrestagung zum Thema "Fortpflanzungsmedizin in Deutschland: Individuelle Lebensentwürfe – Familie – Gesellschaft". Im Mittelpunkt standen unter anderem die Fragen: Welche Herausforderungen für unser Verständnis von Selbstbestimmung, Familie und Gesellschaft bringen die Eingriffsmöglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin mit sich? Soll die Zeugung sogenannter Drei-Eltern-Babys zugelassen werden? Welche individuellen und sozialen Chancen und Probleme können Eizellspende und Leihmutterschaft, aber auch das langfristige Einfrieren eigener Eizellen für die beteiligten Frauen, Kinder und die Familien mit sich bringen? Welcher Handlungsbedarf ergibt sich daraus für die Politik? Diese und weitere Fragen diskutierte der Deutsche Ethikrat gemeinsam mit Referenten, drei Bundestagsabgeordneten und über 350 Gästen.

Jahrestagung des Deutschen Ethikrates am 22.05.14 in Berlin zur Fortpflanzungsmedizin iin Deutschland"Der Dreiklang von individuellen Lebensentwürfen, Familie und Gesellschaft ist dem Ethikrat deswegen so wichtig, weil es bei der Fortpflanzungsmedizin eben nicht nur um die Selbstbestimmung des Einzelnen über sein Leben geht, sondern immer auch um die Verantwortung für einen anderen Menschen, das Kind und die nächste Generation bzw. die nächsten Generationen", erklärte Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrates zum Auftakt der Veranstaltung laut Pressemitteilung.

In seinem Eingangsreferat berichtete Georg Griesinger vom Universitären Kinderwunschzentrum Lübeck über neue und in Entwicklung befindliche Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin wie die Vitrifikation als hocheffizientes Verfahren zur Konservierung unbefruchteter Eizellen.

Über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland informierte Dagmar Coester-Waltjen von der Universität Göttingen. Das für diesen Bereich einschlägige Embryonenschutzgesetz verbiete unter anderem die Eizellspende, die Leihmutterschaft sowie Eingriffe in die Keimbahn. Andere Bereiche, darunter auch das sogenannte "Social Freezing", seien dagegen nicht geregelt. Coester-Waltjen plädierte dem Bericht zufolge für ein umfassendes Fortpflanzungsmedizingesetz.

Eine ethische Kontroverse über die Zukunft der Familie und reproduktive Autonomie bestritten im Anschluss Eberhard Schockenhoff und Claudia Wiesemann, beide Mitglieder des Deutschen Ethikrates. Anschließend folgte eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum über die Auslegung der Begriffe Familie, Elternverantwortung und Fortpflanzungsfreiheit.

Schockenhoff führte in seinem Referat aus, dass das Leitbild einer ehebezogenen Familie als Ort unbedingter Verlässlichkeit, sozialen Lernens und existenzieller Sinnerfahrung in der Bevölkerung erstaunlich stabil geblieben sei. Es seien keine alternativen Lebensformen in Sicht, die die Rolle dieser Familie auf Dauer ersetzen könnten.

Für Claudia Wiesmann sind dagegen Heirat und Blutsverwandtschaft keine zwangsläufigen Voraussetzungen für eine Familiengründung. Vielmehr sei die Fortpflanzungsfreiheit, das heißt die Freiheit, allein oder im Verbund mit einem Partner / einer Partnerin darüber zu entscheiden, ob, wann und wie jemand sich fortpflanzen will, ein fundamentales Recht, dessen Reichweite allerdings durch andere Grundrechte beschränkt werden kann.

Drei Foren mit drei Schwerpunktthemen

Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmer in parallel stattfindenden Foren mit jeweils drei Referenten über drei Schwerpunktthemen:

Eingriffe in die Keimbahn standen im Fokus von Forum A, das sich mit sogenannten "Drei-Eltern-Babys" befasste. Hinter diesem Schlagwort stehen Bemühungen, mitochondriale Erbkrankheiten zu vermeiden. Dabei wird in den bislang entwickelten Methoden, die sich noch in einem experimentellen Stadium befinden, das Kerngenom der betroffene Eizelle entweder vor oder nach der Befruchtung in eine zuvor entkernte Spendereizelle übertragen, die gesunde Mitochondrien enthält. Ein so entstehendes Kind trüge im Zellkern die DNA von Vater und Mutter und in den Mitochondrien die DNA der Eizellspenderin.

Die Teilnehmer von Forum B setzten sich mit dem Themenkomplex Eizellspende und Leihmutterschaft auseinander. In der Diskussion ging es insbesondere um die Abwägung der Risiken mit dem Recht von Frauen, selbstbestimmt darüber zu entscheiden, ob sie eine Eizellspende oder Leihmutterschaft anbieten möchten.

In Forum C drehte sich die Debatte um "Social Freezing", das langfristige Einfrieren eigener Eizellen im jungen Alter, um sie Jahre später für eine Schwangerschaft nutzen zu können. In der Diskussion wehrten sich mehrere Teilnehmer dagegen, "Social Freezing" als Lifestyle-Angebot zu stigmatisieren während andere neue soziale Zwänge für Frauen sehen. Wichtig für einen verantwortungsvollen Einsatz sei vor allem eine gute Beratung.

Nachdenken über Weiterentwicklung der gesetzlichen Regulierung

Die Erträge der Forenarbeit wurden als Auftakt der abschließenden Podiumsdiskussion vorgestellt, bei der sich die Bundestagsabgeordneten Hubert Hüppe (CDU), Kathrin Vogler (Die Linke) und Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen) der Diskussion mit dem Publikum stellten.

Christiane Woopen stellte in ihrem Schlusswort heraus, dass die Jahrestagung gezeigt habe, wie wichtig angesichts der Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin eine breite gesellschaftliche Debatte sei. Zudem müsse über die Weiterentwicklung der gesetzlichen Regulierung nachgedacht werden, da das Embryonenschutzgesetz manches Wichtige gar nicht, manches nur unklar und manches zwar klar, aber gesellschaftlich sehr umstritten regele.
 

Weiterführende Informationen:

Alle Beiträge der Jahrestagung inklusive der Foren und der abschließenden Diskussion sowie der vorangegangenen Online-Befragung der Teilnehmer können auf der Webseite des Deutschen Ethikrates nachgehört und auch nachgelesen werden.

Fortpflanzungsmedizin in Deutschland: Individuelle Lebensentwürfe – Familie – Gesellschaft
Jahresatgung des Deutschen Ethikrates am 22. Mai 2014 von 10:00 bis 18:00 Uhr
 

Presseschau zur Ethikrat-Jahrestagung zur Fortpflanzungsmedizin

In den Medien fand die Tagung relativ wenig Beachtung. Gleichwohl gab es ein paar interessante Beiträge dazu.

Einfrieren für späten Nachwuchs
Der Ethikrat beschäftigt sich auf seiner Jahrestagung mit "Social Freezing". Eine Technik mit der immer mehr gesunde Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, um Jahre später noch Kinder bekommen zu können. Über Fluch und Segen dieser Methode spricht der Gynäkologe Michael von Wolff im tagesschau.de-Interview.
TAGESSCHAU 22.05.14

Wer hat ein Recht auf Kinder?
Dagegen, dass homosexuelle Paare Kinder großziehen, hat sich der katholische Theologe Eberhard Schockenhoff ausgesprochen. In Berlin diskutierte der Deutsche Ethikrat am Donnerstag über die Grenzen der Reproduktionsmedizin.
PRO-Medienmagazin 22.05.14

Das selektierte Kind
Der Ethikrat befasst sich mit der Fortpflanzungsmedizin
DOMRADIO 23.05.14

Eizellspende? Politiker gegen Zulassung
Gesundheitspolitiker sehen derzeit keinen Anlass, das Embryonenschutzgesetz zu liberalisieren, hieß es bei einer Tagung des Ethikrats
Ärzte Zeitung, 23.05.14

Keimende Kontroverse
von Sascha Karberg
Das Erbgut menschlicher Keimzellen zu verändern, gilt als Tabu. Nun wird diskutiert, ob solche Eingriffe in Einzelfällen erlaubt werden sollen. Tatsächlich wurde die Grenze in den USA bereits überschritten.
TAGESSPIEGEL 24.05.14

„Die Regeln müssen überarbeitet werden.“
Juraprofessorin Dagmar Coester Waltjen über die gesetzlichen Regeln zur Fortpflanzungsmedizin
TAGESSPIEGEL 24.05.14

Ein Kind um jeden Preis?
Das Geschäft mit der Fortpflanzungsmedizin boomt. Aber die Gesetze können mit der Entwicklung nicht Schritt halten
Ulrike Baureithel
DER FREITAG 29.05.14

Social Freezing: Kinder erst nach der Pensionierung?
von Sascha Karberg
Eizellen auf Eis: Die Kryokonservierung wandelt die Mutterschaft.
TAGESSPIEGEL 01.06.14

Reproduktionsmedizin: Politischer Widerstand gegen Eizellenspende in Deutschland
90 Prozent der Frauen werden nach Social Egg Freezing erst gar nicht schwanger
Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) 11.06.14

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